Ingenieurbüro Carsten Burkhardt | Neumarkt i.d.OPf. | Bayern - Dichtheitsanforderung / lokale Leckagen

Dichtheitsanforderung erfüllt und gut?

Die Ausführungen auf der vorigen Seite "Gesetzliche / bauphysikalisch Grundlagen des Blower-Door-Tests" könnten den Eindruck erwecken, dass mit einer gemessenen Luftwechselrate n50 , die kleiner als der Anforderungswert ist, schon alles bestens sei. Ist das so? Die Antwort lautet: Nein, leider noch nicht ganz!

 

Die Problematik lokaler Leckagen

Wie auf der Seite Grundlagen beschrieben, fordert die EnEV in §6, dass "die wärmeübertragende Umfassungsfläche einschließlich der Fugen dauerhaft luftundurchlässig entsprechend den anerkannten Regeln der Technik abgedichtet ist". Dies bedeutet auch, dass keine Undichtheiten vorhanden sind, die nicht "den anerkannten Regeln der Technik" entsprechen, d.h. nicht so dicht sind, wie es heute in der Praxis als üblich gilt. Dies ist jedoch eine sehr schwammige Anforderung, die leider erst dann richtig "greifbar" und relevant wird, wenn ein Schadensfall wie nachfolgend beschrieben eintritt:

Trotz erfüllter Dichtheitsanforderung kann die stets vorhandene Leckage sehr ungleich im Gebäude verteilt sein. So kann die Gebaudehülle äußerst dicht sein, aber durch eine einzige größere lokale Undichtheit in Summe verschlechtert werden.

Wie in zahlreichen Quellen zu lesen ist, z.B. im Passipedia, kann mit Feuchtigkeit angereicherte Raumluft durch eine größere lokale Undichtheit in der luftdichten Ebene hindurchdringen, auf ihrem Weg durch die Gebäudehülle abkühlen und dort kondensiert dann ein sehr großer Teil der Luftfeuchtigkeit aus. Kalte Luft kann viel weniger Feuchtigkeit speichern, als warme Luft.

In der Folge werden durch Konvektion von Raumluft durch die Gebäudehülle beträchtliche Mengen Feuchtigkeit in die Dämmebene transportiert - um ein Vielfaches mehr, als durch Diffusion durch eine "luftdichte Ebene" gelangen kann!

Nasse Dämmung hat verminderte Dämmeigenschaften, die nassen Oberflächen kühlen ab und so verstärkt sich der Effekt. Das Ganze geschieht meist unsichtbar. Andauernde Feuchtigkeit und organisches Material bilden den Nährboden für Schimmelpilze, die wiederum zum Teil extrem giftig sind und für allergische Reaktionen und Atemwegserkrankungen verantwortlich sein können.

Das in diesem Zusammenhang weit verbreitete "atmende Haus" ist leider ein Märchen. Ist ein Bauteil erst einmal feucht, dauert es mitunter sehr lange, bis diese Feuchtigkeit langsam wieder aus dem Bauteil heraus diffundieren kann.

 

Wann entsteht ein Bauschaden wegen Durchfeuchtung ?

Wie oben beschrieben gelangt im Winter Feuchtigkeit über Leckagen in der luftdichten Hülle in ein Bauteil wie z.B. ein Dach. Über den Sommer soll diese Feuchtigkeit dann wieder austreten können. Dieses Wechselspiel von Auffeuchtung und Trocknung lässt sich für Bauteile mit speziellen Programmen in Abhängigkeit der Luftdichtheit berechnen.

Sichere Bauschadensfreiheit besteht, wenn im Sommer stets mehr Feuchtigkeit aus dem Bauteil austreten kann, als im Winter ins Bauteil gelangt. Das Bauteil wird nach der Fertigstellung im Lauf der Jahre damit immer trockener.

Ein Bauschaden kann langfristig entstehen, wenn sich aus Auffeuchtung und Trocknung im Mittel ein Gleichgewichtszustand des Feuchtegehalts einstellt, der für Baustoffe des Bauteils zu hoch liegt, z.B. für Dachsparren.

Die Entstehung eines Bauschadens ist garantiert, wenn ständig im Winter mehr Feuchtigkeit in ein Bauteil eingetragen wird, als im Sommer austreten kann. Die Feuchtigkeit im Bauteil steigt dann immer weiter an.

 

Wie war das vor der Energieeinsparverordnung?

Warum gab es solche Problemstellungen vor vielen Jahren in Zeiten vor der EnEV noch nicht? Bis zur Geltung der Wärmeschutzverordnung 1977 wurde noch so undicht gebaut, dass die Raumluftfeuchte durch starke "Fugenlüftung" im Winter stets sehr niedrig gehalten wurde. Damit war sehr wenig Luftfeuchtigkeit vorhanden, die irgendwo auf dem Weg nach draußen auskondensieren konnte. Mit steigenden Energiepreisen und damit steigender Forderung nach Energieeinsparung wurde dann luftdichter gebaut. Bis heute sind viele Bauten zu undicht für schadensfreie Bauteile, aber zu dicht für ausreichende Fugenlüftung.

 

Lösung

Die Lösung für energieeffiziente Gebäude und die gleichzeitige Vermeidung von Feuchteschäden liegt in der Kombination folgender drei Maßnahmen:

  1. Konstruktion der Bauteile des Gebäudes mit hohem "Bauschadensfreiheitspotenzial", d.h. Auswahl von feuchteunempfindlichen Konstruktionen.

  2. Durchführung des Blower-Door-Tests und Beheben größerer lokaler Leckagen im Nachgang.

  3. Die Raumluftfeuchtigkeit im Winter stets nur so hoch ansteigen lassen, wie es für die Behaglichkeit erforderlich ist - entweder durch ausreichende Fensterlüftung, was bei heutiger Dichtheit nicht leicht einzuhalten ist und viel Engagement der Bewohner erfordert, oder besser und zuverlässiger mit einer mechanischen Lüftungsanlage.